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Berlin: Let's talk about SEXWORK!

Im Zuge unserer Auseinandersetzung mit Stigmatisierung gegenüber Sexarbeitenden haben wir uns gefragt: Was denken Berliner*innen, wenn sie Worte wie „Straßenstrich“, „Puff“, „Prostituierte“, oder „sexuelle Begleitung“ hören? Welche Assoziationen kommen hoch? Dafür sind wir an einem sonnigen Tag in den Park gegangen und haben Menschen befragt. Das Ergebnis ist vielschichtig. Das Wissen über die unterschiedlichen Arbeitsbereiche der Sexarbeit hingegen dünn. Die Vorurteile werden nicht immer klar benannt, sie sind jedoch für all jene, die es betrifft deutlich spürbar. Also, lasst uns über Sex und Arbeit und Sexarbeit reden.

Über Stigma und diese Kampagne

Unter Stigma wird ursprünglich die Kennzeichnung einer Person oder Personengruppe verstanden, um eine ihrer Eigenschaften für alle sichtbar zu machen und die Person oder Gruppe so vom Rest der Gesellschaft zu unterscheiden. In der Regel geht es um negative Eigenschaften und herabwürdigende Zuschreibungen, die so sehr im Vordergrund stehen, dass die restlichen Eigenschaften der Person oder Gruppe gar nicht mehr wahrgenommen werden.
Heute wird der Begriff Stigma auch verwendet, wenn es nicht um eine sichtbare Kennzeichnung geht, sondern ganz einfach um die Verknüpfung von negativen Eigenschaften zu einem Merkmal der Person oder Gruppe, wie z.B. sexuelle Orientierung, Religion oder das Ausüben eines bestimmten Berufes wie der Sexarbeit.
In unserer Gesellschaft ist eine Tätigkeit in der Sexarbeitsbranche an vielen Stellen mit einem Stigma versehen. Ein Beispiel hierfür ist die Notwendigkeit zur Anmeldung nach Prostituiertenschutzgesetz. Die Anmeldebescheinigung (von Sexarbeiter*innen selbst oft "Hurenausweis" genannt) muss jede Person bei der Arbeit mit sich führen und ist bei Polizeikontrollen z.B. auf der Straße, in Bordellen und der eigenen Wohnung, sowie allen anderen Sexarbeitsbereichen, verpflichtet vorzulegen. Es gibt aber auch viele andere Beispiele, die zahlreiche gesellschaftliche und persönliche Bereiche durchziehen.

Neben diesen sehr sichtbaren Beispielen der Stigmatisierung von Sexabeitetenden spüren wir das Stigma der Gesellschaft aber auch häufig indirekt oder getrant als etwas anderes.

In Momenten wie der Wohnungssuche, einem Sorgerechtsstreit, beim Elternabend, vor der Familie oder im Freundeskreis kommen wir immer wieder in Situationen, die entweder unangenehm für uns sind oder in denen wir durch eine ehrliche Antwort über unseren Beruf schlichtweg benachteiligt werden. Wir werden selten als Dienstleiter*innen wahrgenommen wie andere Selbständige, sondern müssen uns mit den vielen Vorurteilen, Klischees und Meinungen in den Köpfen der Menschen, der politischen Vertreter*innen, sowie meinungsbildender Medien zu Sexarbeit auseinandersetzen. Problematisch ist, dass genau diese Menschen und Institutionen wenig über unsere Arbeitsrealität wissen und selten respektvoll und sensibel mit uns umgehen. Gleichzeitig sind es genau diese Instanzen, denen die Gesamtgesellschaft glaubt, wenn sie ihr Bild über Sexarbeit vermittel, obwohl es weder mit unseren Erfahrungen noch mit wissenschaftlichen Studien übereinstimmt.

Daran wird deutlich, wie umfassend das Stigma gegenüber Sexarbeit in unserer Gesellschaft ist. Aus diesem Grund fordern wir als Sexarbeitende mehr in die Debatte über Sexarbeit einbezogen zu werden. Wir wollen mitreden, statt zu hören wie über uns geredet wird.

Manchmal nervt es ganz einfach, manchmal bringt es uns in Verlegenheit und manchmal entstehen uns ganz konkrete Nachteile aus diesem Stigma, wie etwa bei der Wohnungssuche oder bei einer Bewerbung für einen anderen Job.

Es gibt viele Berufe, die keinerlei Anerkennung erhalten, die jedoch der existenziellen Absicherung dienen und für die Gesellschaft von irgendjemandem erledigt werden müssen. Das Zusammendenken von Sexualität und Lohnarbeit scheint jedoch eine Form der Emotionalität und Angst in der Gesellschaft zu öffnen. Diese zeigt sich zum Beispiel daran, dass Sexarbeit häufig mit der Problematik der Zwangsprostitution verwechselt wird. Dabei ist es besonders wichtig diese beiden Begriffe voneinander zu unterscheiden. Zum einen um Menschenhandel effektiv zu bekämpfen und zum anderen um gute Arbeitsbedingungen für Sexarbeitende zu schaffen.

Sexarbeit ist eine Lohnarbeit, bei der sexuelle Dienstleistungen angeboten werden. Unsere Kund*innen kaufen diese Dienstleistung, nicht uns oder unsere Körper. Wir verstehen uns als Unternehmer*innen wie andere Selbständige auch.

Dabei sind wir so unterschiedlich wie unsere Branche selbst. Die Hintergründe, Biographien und Entscheidungen von Sexarbeitenden sind so verschieden wie der Service den wir anbieten. Diese Diversität verstehen wir als Bereicherung und als Zeichen unserer Stärke. Pauschale Meinungen und Urteile über Prostituierte, Huren oder Sexarbeitende beschreiben weder unsere Realität noch helfen sie uns .

Die ständige Frage der Freiwilligkeit der Arbeit kommt generell nur dort auf wo gearbeitet wird, dabei ist es häufig nebensächlich unter welchen Bedingungen und für welchen Lohn. Je nach Ausbildungsgrad findet eine weitere Einschränkung der möglichen Optionen statt.Um eine tatsächliche Freiwilligkeit zu schaffen, müssen gesellschaftliche Lebens- und Arbeitsbedingungen an sich beleuchtet werden. Sexarbeit ist eine Möglichkeit der finanziellen Grundabsicherung.

Der Unterschied ist jedoch, dass sie verheimlicht werden muss, um Freund*innen nicht zu verlieren, um die Wohnung nicht zu verlieren, um das Sorgerecht für die Kinder nicht zu verlieren. Um sich nicht selbst im Spiegel der Gesellschaft sehen zu müssen. Denn dieses Bild wird, wie wir schon in der Schule gelernt haben, auf die eine oder andere Art sanktioniert. Dieser Lerneffekt schreibt sich in den Körper ein und wendet sich gegen das Selbstbild und –bewusstsein. Das Stigma und die damit einhergehende Scham werden internalisiert.

Eine vor allem in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitete Annahme ist, dass Sex nicht verkauft werden darf. Sex diene der Fortpflanzung, als Ausdruck von Liebe, als privates Gut, dass in Ehe und Beziehungen gelebt werden dürfe. Alle, die darüber hinaus eine Sexualität pflegen, sei es für Geld oder unentgeltlich, erleben Stigmatisierung und Diskriminierung. Hiervon sind in den allermeisten Fällen Frauen* betroffen, die ihre Sexualität selbstbestimmt leben. Begriffe wie Hure, Nutte, Schlampe, um nur einige zu nennen, beziehen sich häufig auf Femininitäten und dienen der Erziehung durch Sanktionierung von Verhalten und Person. Schon auf dem Schulhof lernt die Hälfte aller Kinder und Jugendlichen, dass sie nicht das sein sollen, dürfen und letztendlich auch nicht sein wollen, was dieses Konzept in sich birgt. Somit soll weibliche* Sexualität schon im Kindesalter in eine Richtung gelenkt werden, hin zur Liebe und Beziehung und vor allem unter Kontrolle gehalten werden.

Stigma, die der Sexarbeit anhängen, orientieren sich nicht selten an diesem historisch gewachsenen Diskurs, der Frauen* und Sexualität innerhalb patriarchaler Logiken betrachtet. Eine emanzipierte, selbstbestimmte weibliche* Sexualität ist an sich nicht denkbar und könne demnach nicht stattfinden. Frauen, die in der Sexarbeit arbeiten, können dies also unmöglich selbst gewählt und entschieden haben. Folglich müssen sie dazu gezwungen werden und somit werden alle Sexarbeiter*innen als Opfer stilisiert. Aufgrund der gesellschaftlichen Vorverurteilung ist es Sexarbeiter*innen oft schwer möglich für sich selbst zu sprechen und diesem Bild etwas entgegen zu setzen. Dies würde ein Outing bedürfen, welches aufgrund des gesellschaftlichen Stigma und der daraus resultierenden Folgen häufig keine Option darstellt.

Diesen Diskriminierungen, dem verstörten Schweigen, den unverschämten Antworten wollen wir jetzt etwas entgegen setzen: Wir sind da und wir haben eine Stimme!

Durch die Anti-Stigmatisierungs-Kampagne wollen wir auf verschiedenen Wegen und durch unterschiedliche Medien unsere Realitäten sichtbar machen. Wir wollen zeigen, was uns wirklich stört und was die schwierigen Momente durch unsere Arbeit sind bzw. wie die Gesellschaft unsere Arbeit für uns schwierig macht: kurz wir wollen mit dem Stigma, das der Sexarbeit anhaftet, aufräumen! Dazu ist jeder Beitrag und jede Idee willkommen.

Wir wollen dass Sexarbeiter*innen als Expert*innen sprechen dürfen und ernstgenommen werden.

Am 02.06., dem Internationalen Hurentag, werden wir mit den ersten Beiträgen auf einer großen Launchparty starten!

Die Beiträge sollen möglichst vielfältig und überall in Berlin sichtbar sein. Wir wollen unsere Meinung auf Plakaten, im Radio, durch kleine Filmclips, Geschichten etc. etc. darstellen und überall in Berlin präsent sein. 2021 bestimmen wir, wie über Sexarbeit geredet wird!

Die globale Pandemie zeigt, wie sich gesellschaftliche Stigmata gegenüber Sexarbeiter*innen in konkrete und akut gefährdende Politiken verkehren können.

Sexuelle Dienstleistungen werden, trotz vorhandener Hygienekonzepte und fehlender oder unbekannter Vorfälle von Ansteckungen mit Corona im Bereich der Sexarbeit nicht berücksichtigt und als voraussichtlich letzte Öffnungen innerhalb der körpernahen Dienstleistungen hinten angestellt. Ein Positivbeispiel lieferte hier das Land Berlin, in dem schon im Sommer 2020 ein Hygienerahmenkonzept für die Sexarbeit gemeinsam mit Projekten und Verwaltung erarbeitet wurde - genau wie in anderen Branchen auch.

Wir von Hydra stehen für die Rechte von Sexarbeiter*innen ein und wollen mittels Expert*innenwissen einen Beitrag zur Entstigmatisierung, Dekriminalisierung, Abbau von Humanisierung und vor allem Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeiter*innen leisten.

Die Anti-Stigma Kampagne richtet sich an Menschen, die in der Sexarbeit tätig sind oder waren, sowie an die breite Öffentlichkeit, Politik und Presse.

Wir freuen uns über die Beteiligung von aktiven und ehemaligen Sexarbeiter*innen bei der Kampagne, insbesondere von BPoC, migrantischen Sexarbeiter*innen und trans Sexarbeiter*innen.

Wenn du mitmachen möchtest, melde dich unter:

kampagne@hydra-berlin.de

Telefon: 0157-38102359